2025
975 Jahre Nürnberg
16/19

Wie diese zehn Oberbürgermeister die Stadt prägten

Jakob Friedrich Binder (1787-1856) ist die Nummer zwei in der Liste der Ersten Bürgermeister und sorgt gleich für einen Rekord, der bis heute Bestand hat: 32 Jahre bleibt er an der Spitze der Stadt. 1821 wird er von den Gemeindebevollmächtigten ins Amt gewählt. Der promovierte Jurist initiiert die Gründung der Eisenbahngesellschaft, die es ermöglicht, dass 1835 die Zugfahrt von Nürnberg nach Fürth stattfinden kann. In Binders Zeit fällt der Bau des Hauptbahnhofs und die Auffindung des mysteriösen Kaspar Hauser, der Erste Bürgermeister verhört das Findelkind 1828 persönlich. 1853 kommt Binder einer Amtsenthebung wegen unmoralischen Verhaltens zuvor – er hat zwölf außereheliche Kinder.


ANZEIGE


Mit Karl Otto Stromer von Reichenbach übernimmt 1867 ein Mitglied einer alten Patrizierfamilie das Amt des Ersten Bürgermeisters, die Gemeindebevollmächtigten wählen ihn einstimmig. Er sorgt für den Aus- und Aufbau einer leistungsfähigen Verwaltung. Der Bau der Pferdebahn und die Anlage des späteren Westfriedhofs sind mit dem Juristen verbunden, der die Straßen pflastern und die öffentliche Beleuchtung ausbauen lässt.

Unter Ritter von Schuh, wird Nürnberg zu einer modernen Großstadt. Schuh, der zuvor Erster Bürgermeister in Erlangen und dann in Nürnberg war. In seiner Zeit entstehen neue Abwasserkanäle, zusätzliche Schulhäuser und das erste Krematorium in Bayern. 1897 wird das Städtische Krankenhaus an der Flurstraße eröffnet.

Ein erstaunliches Verfahren steht am Beginn der Ära Hermann Luppe in Nürnberg: Der Stadtrat schreibt die Stelle des Ersten Bürgermeisters aus und hält den gebürtigen Kieler Luppe für den fähigsten Bewerber. Anschließend wird der promovierte Jurist der Bevölkerung als einziger Bewerber zur Wahl vorgeschlagen. Luppe baut das Wohlfahrtswesen aus, sorgt für die Gründung der kommunalen Wohnungsbaugesellschaft und erweist sich als engagierter Förderer von Kunst und Kultur.

Bärnreuther, zuvor Leiter der Stadtsparkasse und Vorsitzender der SPD-Stadtratsfraktion, wird 1952 als erstes Stadtoberhaupt nach dem Weltkrieg direkt gewählt. Seine vier Vorgänger ab Juli 1945 hatten allesamt kurze Amtszeiten. Sie waren zunächst von der amerikanischen Militärregierung eingesetzt worden, später bestimmte der Stadtrat darüber, wer den Chefsessel im Rathaus bekam. 1952 dann dürfen die Bürger entscheiden. Als Oberbürgermeister engagiert er sich stark für den Wiederaufbau der Altstadt. Auf ihn geht auch die Verlegung des Volksfestplatzes an den Dutzendteich zurück.


ANZEIGE


Nach Otto Bärnreuthers Tod 1957 schickt die SPD keinen erfahrenen Parteisoldaten, sondern den erst 38 Jahre alten Wiederaufbaureferenten Andreas Urschlechter ins Rennen. Ein Schachzug, der aufgeht. Urschlechter gewinnt für die Sozialdemokraten fünf Oberbürgermeisterwahlen, seine 67,4 Prozent aus dem Jahr 1969 sind bis heute Rekord in Nürnberg. Der Baubeginn für die U-Bahn, der Anschluss an das Wasserstraßennetz durch den Main-Donau-Kanal und die Einweihung des Messezentrums in der ebenfalls „Trabantenstadt“ Langwasser sind Marksteine seines Wirkens. 

Auch wenn Andreas Urschlechter zuletzt als parteiloser OB die Stadtgeschicke lenkte, gilt Nürnberg als rote Hochburg. Die Sozialdemokraten liegen bei allen Stadtratswahlen zwischen 1946 und 1990 vorne und gewinnen zwischen 1952 und 1990 acht OB-Wahlen. Der Gymnasiallehrer Schönlein setzt sich 1987 in zwei Wahlgängen gegen den späteren Ministerpräsidenten Günther Beckstein (CSU) durch. 1996 muss er den Chefsessel im Rathaus räumen – er verliert die OB-Wahl überraschend gegen CSU-Herausforderer Ludwig.

50 Jahre dauerte die Vorherrschaft der SPD in Nürnberg – dann gelingt es Ludwig Scholz, die rote Hochburg ins Wanken zu bringen. Der vorherige Fraktionsvorsitzende der CSU im Nürnberger Rathaus bezwingt Peter Schönlein 1996, zudem avancieren die Konservativen erstmals zur stärksten Kraft im Nürnberger Rathaus. In die Amtszeit von Scholz fällt die 2001 Eröffnung des Dokumentationszentrums Reichsparteitagsgelände. Zudem schafft es Nürnberg in den Kreis der Austragungsorte für die Fußball-Weltmeisterschaft 2006 in Deutschland. Das 950. Stadtjubiläum wird im Jahr 2000 mit neuen Formaten begangen. 2002 geht Scholz siegessicher in den Wahlkampf. Und erlebt gegen seinen Herausforderer Ulrich Maly (SPD) eine Überraschung.

Im Wahlkampf für den Oberbürgermeisterposten präsentiert sich der damals 41-jährige Ulrich Maly als dynamischer Gegenentwurf zu Amtsinhaber Ludwig Scholz – eine Strategie, die aufgeht. Die SPD stellt wieder den Oberbürgermeister – und erobert 2008 und 2014 mit Frontmann Maly auch die Position als stärkste Kraft im Rathaus zurück. 2002 liegt sie mit 29 Mandaten noch knapp hinter der CSU (32). Weil weder das konservative noch das rot-grüne Lager eine Mehrheit hinbekommen, finden SPD und CSU erstmals in einer Rathaus-Kooperation zusammen. Ein Modell, das Maly als Freund breiter Mehrheiten 2008 und 2014 fortsetzt. In Malys Zeit fällt der Startschuss für die fahrerlose U-Bahn, zudem überschreitet die Stadt 2006 erstmals seit 1974 wieder die Halbmillionengrenze. 2019 gibt Maly bekannt, 2020 nicht erneut anzutreten. Daraufhin holt sich die CSU den OB-Posten zurück, weil Marcus König in der Stichwahl gegen SPD-Bewerber Thorsten Brehm gewinnt.

Marco Puschner