2025
975 Jahre Nürnberg
19/19

„Unser Ziel ist eine
bessere Zukunft“

In einem Vierteljahrhundert wird Nürnberg 1000 Jahre alt sein. Wie wird diese Stadt dann aussehen? Wie hat sie sich verändert – und warum? Baureferent Daniel Ulrich hat genaue Vorstellungen.

Interview: Ngoc Nguyen 

Nürnberg steht vor Hausforderungen. Welche sind das? 

Daniel Ulrich 

Zum ersten sind wir dringend gefordert, uns dem Thema Anpassung an den Klimawandel noch intensiver zu stellen. Nürnberg ist eine sehr dicht bebaute Stadt, was nicht schlecht sein muss. Auch Gebäude können Schatten spenden und Kühlung verschaffen. Wo die uns nicht weiterhelfen, müssen Bäume und Grün gepflanzt werden. Zweiter Punkt ist die Umstrukturierung des öffentlichen Raums. Dort wollen viele Menschen, wo es noch irgendwie geht, Parkplätze haben. Wir werden uns aber dem Gedanken stellen müssen, dass im öffentlichen Raum auch Platz sein muss für Grün, für versickerungsfähige Flächen, für Menschen. Je enger bebaut die Stadt wird, desto größer wird das Bedürfnis, sich im öffentliche Raum aufzuhalten. Das dritte große Thema ist die Wohnungsfrage. Durch den demografischen Wandel gibt es immer mehr alleinstehende alte Menschen in viel zu großen Wohnungen. Diese Fehlbelegung ändert sich aber automatisch und es werden sich in den nächsten 25 Jahren neue Reserven auftun. Zusammen mit den neu gebauten Wohnungen werden wir die Deckung des Bedarfs wohl gerade so hinkommen, da bin ich sehr optimistisch.


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Glauben Sie wirklich, dass im nächsten Vierteljahrhundert so viel Wohnraum frei wird? 

Daniel Ulrich 

Die Menschen in den Wohnquartiere aus dem späten 60er, frühen 70er Jahren werden jetzt langsam alt, oft wohnt nur noch ein Mensch in einem Haus. Das sorgt für Probleme in der Infrastruktur, weil Läden keine Kunden mehr haben und Familien keinen Platz finden, wo es schon Kindertageseinrichtungen und Schulen gibt. In Gostenhof zum Beispiel gibt es diese Monostruktur nicht, dort wird Wohnung für Wohnung frei und nach und nach wird eingezogen. Dieser Effekt findet jetzt auch in anderen Stadtteilen statt. Im Loher Moos konnte man das sehr schön sehen. Vor 20 Jahren war das ein tendenziell überalterter Stadtteil, heute ist es ein Ort für junge Menschen mit vielen Kindern. Auch in Moorenbrunn wird sich in absehbarer Zeit was tun. Es gibt viele solcher Quartiere, das macht Mut.

Was bekommen die Nürnberger am meisten zu spüren?  

Daniel Ulrich 

Die Summe aller „Wenden“: die Verkehrswende, die Wärmewende, die Energiewende. Die benötigten Fernwärmevernetzung, Verkabelung von Strom und Daten und all die Dinge, die wichtig dafür sind. Das wird Baustellen bedeuten – nicht dramatisch mehr Baustellen, als es heute sowieso schon gibt, aber die müssen kompakter laufen. Die Anpassung einer großen Stadt an die Wirklichkeit der Zukunft erfordert, dass gebaut wird.


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Angesichts der vielen Wenden wird einem ganz schwindlig. Wird alles anders? 

Daniel Ulrich 

In der Wärmewende, der Verkehrswende, der Energiewende steckt auch eine große Verheißung, die wir unseren Kindern schuldig sind. Die Wärmewende bringt uns Versorgungssicherheit und klimaneutrale Energieversorgung, und das ungefähr in 20 Jahren. Das ist ein unglaublich guter Schritt für Nürnberg und für die Menschen. Bei der Verkehrswende sind wir in Nürnberg echt weit. Wir haben einen guten Öffentlichen Nahverkehr, den wir halten und ausbauen müssen. Für mich ist der ÖPNV die Kernaufgabe, weil er sich an alle Menschen richtet. Bus, Bahn und U-Bahn fahren kann jeder. Die Energiewende ist in Nürnberg auch kein schlimmes Thema, weil wir insgesamt gut aufgestellt sind. Aber wir werden schon auch auf der produktiven Seite ein bisschen was leisten müssen. Städte können sich, was ihren Energiebedarf angeht, zwar niemals dauerhaft selbst versorgen. Das ist eine Illusion. Aber ein Zeichen an das Umland, dass wir gewillt sind, auch einen Teil der Last zu tragen, ist wichtig.

Ist man irgendwann mal am Ziel angekommen und darf das Ergebnis genießen? 

Daniel Ulrich 

Unser Ziel ist eine bessere Zukunft. Zu glauben, dass wir an einen Sättigungspunkt angekommen sind, ist Unsinn. Ein Industrieland mit so einem Bildungsniveau der Bevölkerung, mit diesem Leistungsniveau, das kann sich nicht einfach zurücklehnen und hoffen, dass alles von alleine besser wird. Das Ziel einer besseren Stadt wird in 20, 30 Jahren auch in Nürnberg erreicht sein, weil viele planerische Ansätze schon begonnen haben. 


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Wie soll das alles klappen ohne Geld? Nürnbergs Kassen sind leer wie fast immer. 

Daniel Ulrich 

Wir sind keine reiche Stadt, sondern solides Mittelfeld. Aber nach den großen Krisen ist es in Nürnberg gelungen, das Gewerbesteueraufkommen halbwegs stabil zu halten. Obwohl wir AEG, Triumph Adler und die Quelle verloren haben und vieles mehr. Aber das, was nachgewachsen ist, ist vielfältig und stabil. Wir sind nicht schlagartig arm geworden und das ist sehr viel wert. Gleichzeitig laufen die Kosten davon. Bauen ist teurer geworden, Personal wird teurer. Und das alles addiert sich noch schneller auf, als die Einnahmen steigen. Der Kämmerer hat ein sehr hartes Brot zu kauen.